Tarot im ersten Schritt: Wahrnehmung und Selbsterkenntnis

Tarotkarten können nicht nur Anlass für Zukunftsfragen sein, sondern auch zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben einladen. Dieser Artikel erkundet, wie aufmerksames Betrachten der Arkana die Wahrnehmung schulen und neue Perspektiven eröffnen kann – angeregt durch die Erkenntnisse Carlo Bozzellis.

le fou Wer sich mit Tarot beschäftigt, landet schnell bei der Frage, was die Karten „bedeuten" – und erhält ebenso schnell Antworten: Liebespaar, das bedeutet Entscheidung; Turm, das bedeutet Umbruch. Solche Bedeutungstabellen haben ihren Platz. Sie sind aber schon der zweite Schritt. Der erste Schritt wäre zu fragen: Was geschieht eigentlich mit uns, wenn wir uns länger und aufmerksamer auf diese Bilder einlassen? Um diese Frage soll es hier gehen – nicht um Deutungsregeln, sondern um Wahrnehmung und Selbsterkenntnis.

Sehen lernen: Was ist auf einer Karte, bevor wir sie deuten?

Legen Sie eine Karte vor sich hin und betrachten Sie sie, ohne die üblichen Deutungen zu bemühen. Welche Figuren, Gegenstände und Farben erkennen Sie? Wohin blicken die Gestalten, wie stehen sie zueinander? Beschreiben Sie zunächst nur, was sichtbar ist – und unterscheiden Sie diese Beobachtungen von den Bedeutungen, die Sie damit verbinden.

Das klingt banal – ist es aber nicht. Wir sehen nämlich selten das, was dasteht. Wir sehen das, was wir bereits gelernt haben zu sehen: Deutungskategorien, Buchwissen, Esoterik-Vokabular. Das Bild selbst tritt dahinter zurück. Eine der anspruchsvollsten Übungen in der Beschäftigung mit dem Tarot ist deshalb das unvoreingenommene Betrachten – das Hinsehen, als sähen wir die Karte zum ersten Mal, etwa so, wie ein Kind ein Bild betrachtet: ohne Vorwissen, ohne Eile, ohne die Frage „Was bedeutet das für mich?".

Der italienische Tarotforscher Carlo Bozzelli, der sich in seinem Buch „The Tarot Code" (Quelle unten) intensiv mit dieser Betrachtungsweise befasst, macht sie zum Ausgangspunkt seiner gesamten Auffassung des Tarot. Obwohl unsere Aufmerksamkeit normalerweise auf Bedeutung gerichtet ist, beginnt für ihn alles mit dem schlichten, geduldigen Hinsehen.

Begründete Zusammenhänge statt beliebiger Assoziationen

Nun könnte man einwenden: Bilder zu betrachten und Assoziationen zu entwickeln, das kann jeder – der Tarot wird dadurch aber nicht verlässlicher. Eine freie Assoziation sagt oft mehr über den Betrachtenden aus als über die Karte. Wie also unterscheidet man einen begründeten Zusammenhang von einem rein persönlichen Einfall?

Kriterien gibt es, und sie sind bemerkenswert unspektakulär: Ein Zusammenhang sollte wiederholbar beobachtbar sein – auf mehreren Karten, bei verschiedenen Betrachtern. Er sollte Regeln folgen, die man benennen kann, statt dass alles mit allem verknüpfbar ist. Und er sollte prüfbar sein: Man muss der Beobachtung nachgehen können und dabei bestätigt oder widerlegt werden können.

Bozzelli wendet diese Idee systematisch an. Seiner Auffassung nach bilden die Karten der klassischen Marseille-Tradition ein erkennbares Gefüge: Bildelemente, die sich über Karten hinweg wiederholen, entsprechen einander nach Regeln, und aus dem Zusammenspiel dieser Elemente ergibt sich ein Sinnzusammenhang, in der sich Bildaussagen prüfen und nachvollziehen lassen. Bemerkenswert ist die Richtung: Der Tarot wird hier nicht mit fremden Deutungssystemen (Astrologie, Kabbala, Numerologie, Alchemie) verrechnet, sondern aus seiner eigenen Bildlogik heraus gelesen – und zwar so, dass andere dem Weg des Nachvollziehens folgen können.

Was nützt das für die eigene Lebensführung?

Angenommen, die Übung gelingt: Wir betrachten aufmerksam, wir finden wiederholbare Zusammenhänge – was haben wir dann gewonnen? Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht der mögliche Gewinn an Selbsterkenntnis – damit ist über andere Anwendungen des Tarot nichts entschieden; Bozzellis schließt divinatorische Anwendungen ausdrücklich ein. Es bleibt aber etwas anderes, vielleicht Dauerhafteres: ein Sprache oder zumindest Vokabular für die eigenen Situaionen.

Die großen Arkana handel genau von den Dingen, in denen Menschen sich verlieren und finden: Anfang und Unschuld, Macht und ihr Missbrauch, Verbindung und Trennung, Ordnung und Umsturz, Loslassen, Scheitern, Hoffnung. Wer die Karten lange und aufmerksam betrachtet hat, dem stellen sie diese Themen nicht als fremde Lehrinhalte gegenüber, sondern als vertraute Bildfiguren, die im Alltag wiederkehren. Man erkennt den gehängten Mann wieder, wenn man selbst kopfüber hängt und dennoch gelassen bleiben kann; das Rad, wenn sich die Verhältnisse drehen.

In diesem Sinne kann Tarot-Betrachtung eine Schule der Aufmerksamkeit sein: Sie übt das genaue Hinsehen, das Ausschalten der vorschnellen Deutung und das Geduldigsein mit dem, was sich erst allmählich zeigt.

Mein Fazit

Die Kernaussagen dieses Zugangs – unvoreingenommenes Betrachten, wiederholbare Zusammenhänge, Lesen aus der Bildlogik der Karten selbst – überzeugen mich. Wer sich auf diese Weise mit den Arkana beschäftigt, arbeitet nicht mit Autoritäten und festen Bedeutungstabellen, sondern mit den eigenen Augen und der eigenen Urteilskraft. Das Ergebnis muss nicht das letzte Wort über den Tarot sein. Es ist aber eine Haltung, die auch außerhalb des Tarot gilt: Wer genau hinzusehen lernt, sieht mehr.

 

Quellen

Carlo Bozzelli: The Tarot Code – Revelation of a Thousand-Year Wisdom (englische Ausgabe, Accademia dei Tarocchi, © 2014, PDF beim Herausgeber); italienisches Original: Il codice dei tarocchi. Rivelazione di un'intelligenza millenaria, Anima Edizioni.