Aurora

Lebensskizze

Leo WillinIch wurde am 19. Juli 1953 in einem südbadischen Dorf am Südwesthang des Schwarzwaldes geboren. Der letzte Ochsenkarren rumpelte noch über die Straßen ohne Asphalt und unser Nachbar erhielt den ersten Fernseher. Mein Lieblingsplatz war der Wald, wo ich im Dickicht meine Hütte aus Zweigen und Moos baute. Einmal jährlich quartierten sich in einem halbverfallenen Gemeindehaus ohne Strom und ohne Anschluss an die Kanalisation Zigeuner am Dorfrand ein und blieben für zwei Wochen. Es lief dann ein Raunen durch die Gassen, wir Kinder müssen aufpassen, dass wir nicht gestohlen werden. Dieses Raunen veranlasste mich dazu, die Fahrenden aus nächster Nähe genau und vorsichtig zu beobachten. Angespannt lag ich hinter Busch und Baum auf Lauer und folgte  jeder ihrer Verrichtung; mein sichtbares Spektrum der Beobachtung war deutlich, hielten sich doch Kind und Kegel meist vor der Hütte in einem offenen Camp auf. Wer angespannt und lange genug beobachtet, träumt auch nachts. In meinen Träumen hatte ich die Haare rot gefärbt und war durch abgewetzte Kleidung unkenntlich gemacht. Ich lernte die Abenteuer der großen weiten Welt auf Reisen kennen. Ich war entkommen dem Unterricht der Schule, dem Richten nach unten und dem Abrichten für wen denn? Ich war entkommen und hatte mich selbst ergeben, gewissermaßen selbst gestohlen, um in einer anderen Welt frei zu sein.

Es gibt kein einheitliches Volk der Zigeuner. Nach Sprache, Kultur und DNA Analyse stammen sie aus Rajasthan, dem Nordwesten Indiens. Sie kamen aus unterschiedlichen Regionen, zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen. Je weiter und tiefer die Forschung vorrückt, umso vielfältiger wird das Bild. Über die Gründe ihrer Auswanderung gibt es überzeugende Gründe, aber wenig stichhaltige Belege.

Die amtliche Verordnung eines einheitlichen Romavolkes mit den Sinti als Anhängsel ist wie vieles andere eine Mär, man will aus der Geschichte der Diffamierungen, Verfolgungen und dem wiederholten Versuch der Auslöschung dieser Fahrenden nichts wirklich lernen, sieh nur wie sie sich selbst beweihräuchern. Eine Geschichte ohne den Namen der Zigeuner ist eine sterile Roma-Geschichte ohne gelebte Wirklichkeit, eine Scheinwirklichkeit ohne Gestern.

Irgend wann blieben die Zigeuner für immer weg. Meine Kindheit wandelte sich in die Jugend. Mein Wandertrieb meldete sich noch stärker, doch er wurde gezügelt durch Schule und Berufsausbildung und zwei Berufsjahre als Feinmechaniker. Ich erhielt den Einzugsbefehl zur Bundeswehr, konnte mich aber glücklich entziehen, was ich anderswo bereits beschrieb.

Schule, Beruf und Religion sind die Dreieinigkeit des Mannes wie Kirche, Küche und Kinder der Frau, jedenfalls anno dazumal. Kirchen sind die Gebetsstätten der hiesigen Religion, in meinem Fall der katholischen. Ich kann mich an die einzigen bezogenen Prügel während meiner Kindheit erinnern, die ich nach einem Kirchgang wegen auffälliger Ungezogenheit bekam. Sie blieben bedeutungslos und ich kann in meiner Skizze fortfahren.

Hermann Hesse war mindestens ein Jahrzehnt lang Kassenschlager auf dem Buchmarkt. Sein  „Siddhartha“ wurde als Kultbuch gelesen und war Blaupause für viele Morgenlandfahrer meiner Generation. Doch nicht dieses Buch sollte bei mir einen Sinneswandel herbei führen, sondern ein schmales Bändchen über den Zen-Buddhismus. Es beschreibt eine japanische Teezeremonie im Geiste des Zen und öffnete mir die Tür ins Morgenland. Es war auch die Zeit der Hippiebewegung, die mit Woodstock ihren Zenit erreicht hatte; zwei ihrer Ikonen, Janis Joplin und Jimmy Hendrix waren bereits  an einer Überdosis Rauschgift verstorben, doch noch fuhren Kolonnen von Bullis über Afghanistan mit einem Zwischenstopp nach Indien. 

Mein Leben im Dorf ging zu Ende als ich vom Möchtegern-Zigeuner zum Wochenend-Hippie wurde. Mein Radius erweiterte sich nördlich bis Freiburg und Heidelberg und südlich bis Basel und Zürich. Der Rhein westlich mit seinem tiefen Graben einerseits und das Gebirge des Schwarzwaldes östlich andererseits bildeten eine hohe und natürliche Grenze.

Es war das Jahr 1980, als ich von Freiburg kommend nach Konstanz fuhr, um mich an der Universität für ein Chemiestudium einzuschreiben. Es gibt Sprünge in dieser Skizze, denn auch mein Leben verläuft in Sprüngen. Ich will den folgenden Zeitabschnitt in Begegnungen zeichnen, denn komme ich mit Formeln und atomaren Zuständen der unvorstellbar kleinen Wirklichkeit laufen mir die Besucher bestimmt scharenweise davon.

Das Studium teilte ich in zwei Teile, der erste Teil umfasst das Studium mit den Vorlesungen morgens, Labortätigkeiten nachmittags, Vorbereitungen, Auswertungen und das Büffeln auf die vielen schriftlichen und mündlichen Prüfungen abends und nachts. Der zweite Teil besteht aus den ausgedehnten Semesterferien mit der Erforschung der verborgenen Seinszustände nächtlicher Natur und den mitteilsamen Spirits sowie meiner Beschäftigung mit Yoga, Alchemie und fortgesetzten Traumerlebnissen. Letztere sollen hier ausgespart werden, da ich sie in den anderen Themen ausführlich darstelle und beschreibe. Ich befolgte diese Teilung streng während der gesamten Studienzeit und konnte meine Ferien auch freihalten, da ich das Studium mit Bafög finanzieren konnte. Diese Teilung hatte auch den großen Vorteil, dass der eine Teil den anderen nicht störte und umgekehrt. Es war eine Teilung, die ich vergleichen will mit Kür und Tanzen auf einem Bein und Pflicht mit dem Stehen auf beiden mit Umfallen und Wiederaufstehen.

Fortsetzung folgt…

Sa. 13 Juni 2026