Aurora

Kurzbiografie

Da ich seit fast zehn Jahren im Ruhestand lebe, kann das Berufsleben nicht mehr der Hauptinhalt der Beschreibung meines Lebens sein. Ich werde hier "über mich" erzählen, nicht streng chronologisch, sondern in Sprüngen und abgerundeten Abschnitten. Der Leser kann diese dann leicht selbst zu einem Mosaik zusammensetzen.

 Meine Studienzeit

Ich beginne nicht mit der Kindheit und Jugend, sondern mit einem Alter, in dem ich bereits zwei Jahre als Feinmechaniker Berufserfahrung hatte. Der Beruf war allerdings weniger prägend als Woodstock, Jimmy Hendrix und Janis Joplin, kurz, ich war während meiner Berufsausbildung hauptamtlich Hippie. Ich war Nachzügler, denn die Sterne über Woodstock waren bereits an Überdosen von Rauschgift gestorben. Aber wo die Sterne im Westen sinken, da steigt im Osten der erste Morgenstern auf. Diese Erfahrung lag damals im Trend, es gab ganze Kolonnen Jugendlicher, die im Bulli ostwärts zogen, in Pakistan Rast machten, um dann am indischen Strand von Goa zu tanzen und Silber- und Golddrähte in kunstvollen Schmuck zu biegen, und andere malten im Opiumrausch opale Bilder.

Von Hermann Hesse gab es damals zwei Kassenschlager, die Morgenlandfahrer folgten Siddhartha nach Indien, die weniger Bekannten, die seinen Steppenwolf schlürften, zogen in die Politik, um dann als Nachfahren der 68-Generation in den Institutionen zu landen, denen die Hippies den Rücken kehrten. Nur wenige Jahre später erkannte ich diese Spaltung wieder bei den Grünen, genauer gesagt bei den Fundis und Realos. Als ich Ende der 70er Jahre, zwei Monate nach Abschluss des Studiums als Chemiker nach Kiel zog, besuchte ich das erste und letzte Mal eine Parteiveranstaltung der Grünen, um die Mitbegründerin dieser Partei,  Petra Kelly, Live zu erleben. Um in meiner eigenen Kategorie zu bleiben, gehörte Kelly zu den Morgenlandfahrer, hatte sich aber in die Politik verirrt. Da ich bei der genannten Veranstaltung etwas Substantielles von Kelly erhoffte, wurde ich doch enttäuscht, denn aus Parteipropaganda war nichts zu hören. Petra Kelly war damals eng mit dem  ehemaligen Bundeswehrgeneral Gert Bastian befreundet und ich nehme gern bestimmte Ereignisse als Wende- und Kippunkte einer richtungsweisenden Entwicklung. In diesem Fall war es der Doppelselbstmord dieser beiden Protagonisten der Öffentlichkeit. Über Gründe und Abgründe dieser Tat, möge jeder selbst recherchieren. Ich bin hier nicht wirklich im Bilde. Nur soviel noch dazu: die Partei war damals noch Jahre davon entfernt, von einer Friedens- zu einer Kriegstreiberpartei zu mutieren. Aber dass die Realos dominant würden, war bereits zu ah nen.

Mein eigentliches Studium begann Im Jahr 19xx, als ich von Freiburg nach Konstanz fuhr, um mich an der Universität für ein Chemiestudium einzuschreiben. Ich sah dieser Zeit gelassen entgegen, folgen den Semestern doch stets ausgedehnte Semesterferien und war doch die Finanzierung des gesamten Studiums durch Bafög gesichert. Ich hatte mich damit niemandem zu verantworten außer mir selbst, und ich neige glücklicherweise zum Optimisten und schlage drückende Stimmung und meinen innewohnenden dramatischen Hampelmann schnell in die Flucht. Heute taucht der Hampelmann gern in der Maskerade des Todes auf und spielt dann sein Possen in Gestalt gewichtiger Sentenzen.

Bei meiner Fahrt nach Konstanz machte ich einen Abstecher nach Meersburg, wo mir im Schaufenster einer Buchhandlung ein antik aufgemachtes Bändchen  mit dem Titel "Alchemie und Heilkunst" von Alexander von Bernus auffiel. Der hinterlassene Leseeindruck ist gemischt, so will ich auf den Inhalt eingehen. Es gibt eine Haupt- und eine Nebenlinie denen der Autor folgt, dann bietet er anekdotenhafte Einsprengsel. A. v. Bernus war ein Alchemist, unterhielt ein Labor und folgte der Tradition ohne eigentliche Neuerungen. Der Naturwissenschaft war er wohlgesonnen, ja sein Verhältnis zu ihr war fast schon buhlerisch. Mir wurde eigentlich nicht klar, was er eigentlich mit ihr wollte. Wer die Japanische Sprache lernt, braucht nicht ständig auf die Chinesische zu schielen, diese zu loben oder gar den Nutzen des Chinesischen für die Japanischen Sprache herauszustellen. Am Ende droht dann doch nur Japachin. 

Dann schreibt Bernus gegen C. G. Jung an, der die Alchemie intensiv studierte, aber von den Labortätigkeiten der Alchemisten wenig oder nichts hielt. Die Alchemie muss die Psychologie integrieren, und wenn ein Psychologe von internationalem Rang wie C. G. Jung der Alchemie Bedeutsames abgewinnt, ist dagegen nichts einzuwenden. Ist Jung ist Panpsychologe und kein Alchemist. Ich gehe einen Schritt weiter und bejahe auch jene Alchemisten, die diese rein spirituell nehmen, denn die Achemie hat im Unterschied zur Naturwissenschaft, speziell der Chemie auch einen "inneren" Aspekt, der wesentlich ist und Wesen soll hier mal formelhaft verstanden werden als: Wesen = Energie + Bewusstsein.

Ich kann mich an meine Studienzeit gut erinnern, damit will ich die jüngeren Besucher aber nicht zu einem Studium auffordern. Man kann darauf auch verzichten und eine andere Form der Existenz aufbauen. Für mich hatte das Studium große Vorteile, denn ich konnte auch die Semesterferien voll ausschöpfen, da ich während der gesamten Zeit Bafög bezog und damit von der Bindung einer familiären Versorgung unabhängig und sorgenfrei war. Ein Beispiel wie ich das meine: vor der Abschlussprüfung freundete ich mich mit einem Mitstreiter auf die Prüfung vor. Er kam aus Sri Lanka, schon in jungen Jahren ein Mann von Welt und war geimpft mit dem Ziel, nach dem Studium zurückzukehren und in die Ölindustrie einzusteigen. Wir srudierten beide Chemie und ein erfolgreiches Studium öffnet hier so manche Türen. 

 Wir trafen uns einige Male zur Vorbereitung auf die Abschlussprüfung. Leider umsonst, denn mein neuer Freund klagte nicht nur über seine Familie im fernen Indien, er litt auch unter einer beträchtlichen Lernblockade. Unsere Begegnungen waren immer unterhaltsam, nur das Thema Chemie kam nie zur Sprache. Statt dessen bekam ich einen lebenden Eindruck einer psychologischen Beratung beim Parapsychologischen Institut in Freiburg, mein Studienort der Wahl, nachdem ich die ersten vier Semestern in Konstanz mit dem Vordiplom absolviert hatte. Das Paraspychologische Institut ist über die regionalen Grenzen von Freiburg bekannt, auch im Ausland blüht sein Ruf, jedenfalls zu jener Zeit. Ob dieser Ruf auch Garant für eine erfolreiche Blockade-Lösung bei Prüfungsvorbereitungen ist, kann ich nicht sagen, denn unsere Freundschaft war nicht von langer Dauer. Ernsthafte Schwierigkeiten der einen Art greifen gern über auch andere Arten menschlicher Zustände und Befindlichkeiten. Um mich verständlich zu machen, greife ich weiter aus.

 Als ich meinen Freund in einem Cafe kennenlernte, gab er sich auffällig als Mann von Welt, wenn auch noch in jungem Jahren, war er doch taff. Ich erkannte den Gegenpol an der Oberfläche, an Herkunft, Erziehung und westlicher kolonialer Übernahme. Doch unter der Oberfläche, erkannte ich intuitiv eine Vertrautheit, die mich in Erstaunen versetzte, was sich bei meiner Beschäftigung mit der reichhaltigen indischen Literatur und Kultur noch oft wiederholte. Ich habe auch mal Platon gelesen und erinnere mich an die Erinnerungen von Platon und was er dazu sagte. Ich bin gewissermaßen ein halber Inder unter der Oberfläche. Wenn mein Freund von parapsychologischen Erfahrungen erzählte, shwadronierte ich von Buddhas Leben, vom kleinen und großen Weg und den magischen Praktiken des Diamantweges in Tibet. Sri Lanka war früh eine Insel Buddhas, seine Lehre blühte lange bis ein großer Herrscher vom Festland seine Bedürfnisse befriedigte und die Insel einnahm. Seither flammen auf der Insel immer wieder blutige Auseinandersetzungen auf. Aber auch im Buddhismus selbst gibt es seither eine gewisse Zweitracht. Sri Lanka ist oder war zumindest dafür bekannt, an der ursprünglichen Lehre bin zum i-Punkt festzuhalten, die Lehre Buddhas ist perfekt in jeder Hinsicht und wer perfekter sein will hat schlechte Karten. Aber auch in Sri Lanka gibt es Buddhisten, die nicht nur den frühen Tagen Busshas folgen, sondern auch dem Lauf der Zeit und dieser fordert, eine aktive Unterstützung der eigenen Kultur und Widerstand gegen die Übernahme vom Festland, die hinduistisch geprägt ist, wie der neue Herrscher auch. 

 War mein neuer Freund Buddhist? Ja und Nein. Er schloss sich in jenen Tagen einer Gruppe an, die in Schweigalp, der Schweiz, das Hauptzentrum hatte, das er regelmäßig an Wochenenden besuchte und ein Wocheennde konnte schon mal zwei Wochen dauern. Er zog dann mit dem Guru der Gruppe durch die Zentren der Städte in der Schweiz und Deutschland. Von den Lernblockaden der Chemie war er dann erlöst und auch unser Austausch blieb immer locker und unbeschwert. Bei diesem Guru handelte es sich um Babaji, einem Jungen aus Haidakan, vielleicht 16 oder 18 Jahre alt?

Da mir in jener Zeit die Autobiografie von Yogananda bekannt war, erzählte ich ihm von einem zweiten Babaji, der Linie von Yogananda. Er schwieg auffällig, denn, was soll er schon zu Babaji und Babaji sagen, wenn er vielleicht nur den einen kennt. Doch es vergingen kaum zwei Wochen, da kam er mit einem Brief angewunken mit einem Antwortbrief aus Kalifornien, wo die Gruppe von Yogananda ansässig ist. Er gab mir mit sichtlichem Vergnügen den Brief zu lesen; er fragte um Rat, ob der eine Babaji der nämliche des andern sei? Die Antwort war ziemlich giftig, kurz, die Rückfrage lautete: was der eine bzw. der andere Babaji den für ein Subjekt sei. 

Nun, ich glaubte, meinen Freund trosten zu müssen und meinte, dass ich gerade Gustaf Meyrink lese und der sei mal dem Teufel persönlich begegnet und habe ihm bei der Gelegenheit den Schwanz abgeschnitten.

 Unsere Freundschaft hatte keinen langen Bestand. Mein Studium hatte ich konsequent geteilt in das Semester mit Vorlesungen morgens, Praktika und Labor nachmittags und Auswertungen sowie Vorbereitungen für die Laborarbeiten, die mündlichen und schriftlichen Prüfungen abends. Die Semsterzeiten waren immer überfüllt mit den Anforderungen eines Chemiestudiums. Dafür gab es dann aber auch die langen Semesterferien, die ich immer frei feierte, hatte ich damit doch einen Ausgleich und fand die Zeit für Dinge, die mir im Grunde wichtiger waren als die Pflicht. Bei meinem Freund war dies alles ganz anders. Er hat nie direkt über die Finanzierung seines Studiums gesprochen, aber doch seine familäre Abhängigkeit erwähnt. Außer der Finanzierung, gab es auch erhebliche Schwierigkeiten mit seinen hinduistischen Ausrichtung mit Guru und Schweigalb. Da besteht, eingestanden oder nicht, auch der Druck durch eine Erfolgserwartung, der er nicht nachkommen wollte oder konnte. Seine Blockade hat hier wohl ihre Ursache. Wie dem auch sei, kam meiner selstgesetzten Pflicht nach und schloss mein Studium ab, fand eine Mitstreiterin bei der Prüfungsvorbereitung mit ähnlicher Konsequenz.

 Etwa vier Wochen nach dem Studiensabschluss trat ich meinen neuen Dienst im Landesamt für Wasserhaushalt und Küsten in Kiel an. wo ich für die Analyse und Auswertung der Schwermetallbelastungen in Flüssen in Schleswig-Holstein und im Küstenbereich von Nord- und Ostsee zuständig war. Das Studium endete damit, aber nicht meine Erzählung dieser Episode, denn ich habe noch einiges nachzuholen. Eine Fortsetzung folgt.

31. Mai 2026